Fabel
Aus dir wird niemals etwas Ordentliches werden, solange du nicht die verschiedenen Töne, die ich nun Stunde für Stunde mit euch besprochen und geübt habe, richtig unterscheiden gelernt hast,“ sagte ein alter Dompfaff, der auf dem Zweige eines hohen Eichbaumes Gesangunterricht erteilte, ärgerlich zu einer kleinen Drossel, die versunken zwischen einer Schar von eifrigen Kunstjüngern saß. Wie willst du denn jemals den Gesang der Nachtigall verstehen und bewundern können, wenn du nicht weißt, nach welchen Regeln und Gesetzen sie die einzelnen Töne zu wunderbaren Klängen und Melodien meisterhaft zusammenfügt? Oder wie willst du selbst denn auch nur ein einziges Lied zustande bringen, wenn du dir nicht einmal das notwendigste, elementarste Wissen angeeignet hast,“ eiferte der Prophet des Schönen in hellster Entrüstung weiter, während die kleine Drossel stumm und weltverloren vor sich hinblickte, denn zu ihren feinen Ohren drang das leise Sehnsuchtslied einer Nachtigall, die hoch oben im Baume saß und der sinkenden Nacht ihre Seele enthüllte.
(nach einer Deutschstunde, in der alle wichtigen Versmaße systematisch gepaukt wurden.)
aus Friedas Tagebuch von 1913/1914